Kampfkunst als Lebensweg

Kampfkunst als Lebensweg

Scheuklappen absetzen

Florian Markowetz und Uschi Schlosser-Nathusius

Japaner oder Chinesen wundern sich vielleicht, dass wir an Ostern die Wiederauferstehung eines Toten feiern - für uns ein gängiges Ritual. Wir wiederum staunen, wenn Japan die in einem alten Mythos erzählte Staatsgründung wie ein tatsächliches Datum feiert. Unsere eigenen kulturellen Muster sind uns vertraut. Wir hinterfragen sie nicht, auch wenn sie gegen jegliche Vernunft verstoßen. Fremde kulturelle oder religiöse Handlungen bleiben unverständlich, wenn wir die eigene Kultur zum Maßstab nehmen.

Gerhard Walter In den Kampfkünsten generalisieren wir gerne und sprechen von »asiatischen Werten«, egal ob wir das moderne Japan oder das antike China meinen. Kulturelle Wertvorstellungen sind nicht immun gegen Wandel, sie sind an eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort gebunden. Es gibt keinen »asiatischen Geist«, der über alle Jahrhunderte unverändert existiert. Trotzdem lassen sich Gemeinsamkeiten finden und Traditionslinien, die über die Zeit Bestand haben. Die chinesische Kultur hat alle ihre Nachbarn stark beeinflusst. Wer den fernen Osten verstehen will, muss China verstehen und vor allem eins: seine Scheuklappen absetzen.

Werte im Westen sind vom Christentum geprägt. Wenn wir untereinander über Kultur oder Gesellschaft sprechen, müssen wir nicht jedes Mal die Grundlagen unserer Zivilisation neu definieren, um uns zu verstehen. Doch wie christlich sind wir wirklich? Die meisten europäischen Staaten sind weltlich, die breite Bevölkerung ist nicht religiös. Sie hat im vergangenen Jahrhundert viele alte Werte über Bord geworfen. Gleichzeitig haben die Menschen im Westen mit der Sinnsuche in fremden Kulturen begonnen, vornehmlich in Indien und im Fernen Osten. Spirituelle Einflüsse, die als gesundheitsfördernd gelten, werden gerne übernommen. So wurden Yoga, Zen oder Qigong breiten Gesellschaftsschichten zum Begriff.

Auch die meisten Kampfkünste kommen aus Asien. Den Menschen dort sind durch ihre Weltsicht grundlegende Techniken vertraut, die wir erst lernen müssen, zum Beispiel das Atmen in die Körpermitte (japanisch hara, chinesisch dantian). Sie wissen auch, was »Einheit von Körper und Geist« bedeuten soll. Nicht dass Asiaten schlauere Menschen wären, aber sie leben in der Tradition, aus der die Kampfkünste stammen. Japaner verstehen deshalb, was mit ki gemeint ist; ebenso die Chinesen, sie sagen allerdings qi.

Chinesen müssen nicht viel über Daoismus wissen und haben doch die Grundideen verinnerlicht. Der Daoismus ist in China allgegenwärtig. Das für den Daoismus so wichtige Naturempfinden hat tiefe Spuren in Malerei, Kalligraphie oder in Filmen hinterlassen. Daoisten strebten nach dem ewigen Leben, die Strategien dazu prägen noch heute Heilkunst und Gesundheitsvorsorge durch Qigong oder Taijiquan. Doch geschieht dies nicht immer im vollen Bewusstsein des Ursprungs. Das kennen wir: Wer bei uns einen Krankenwagen ruft, denkt kaum daran, dass die Hilfsorganisation auf den Grundsätzen christlicher Nächstenliebe gründet. So ist auch nicht jeder Japaner ein vergeistigter Zen-Anhänger. Die Werte dieser Weltanschauung sind den Japanern im Alltag dennoch vertraut. Das schließt nicht aus, dass ein Europäer, der sich mit Zen beschäftigt und Zen praktiziert, einem Japaner, der sich nicht dafür interessiert, im Wissen weit voraus ist. In ähnlicher Weise haben Japaner die Werte des bushidô verinnerlicht. Diesen Ehrenkodex der Samurai betrachten viele zwar als historisch und überholt, dennoch ist die absolute Treue der Samurai ihrem Herrn gegenüber noch heute im Verhältnis von Mitarbeitern zu ihrem Chef zu finden.

In China hat sich durch Kommunismus und neuerdings Kapitalismus so vieles geändert, dass auch die Kampfkünste nicht unberührt bleiben konnten. Taijiquan zum Beispiel hat bei vielen Chinesen einen ähnlichen Ruf wie bei uns das Seniorenturnen. Dass es ein reduziertes, von den Kommunisten gestutztes Taijiquan ist, wissen sie nicht. Abmühen müssen sich vor allem die jungen Chinesen mit den tatsächlich überkommenen Werten des Konfuzianismus, dessen Ideologie die Familienbeziehungen durchdringt. Der ewige Gehorsam gegenüber Eltern und anderen Älteren macht der Jugend zu schaffen. So erzählt die Autorin eines Reisebuches, dass sie auf einer Chinareise erlebt hat, dass sogar bei reiferen Ehepaaren abends Mutter oder Schwiegermutter an die Tür klopft, um ihnen zu sagen, dass sie nun das Licht zu löschen hätten.

Weltanschauungen bleiben nicht nur in der Welt, in der sie entstanden sind, sondern wirken weit darüber hinaus, wenn sie für Menschen allgemein von Interesse sind. Dazu zählen viele Gebräuche und Ideen des Daoismus und des Buddhismus, deren ausgleichender Einfluss auf Körper und Seele von Menschen des Westens als heilsam empfunden wird. Der Buddhismus mit seinem Streben nach Erleuchtung beschäftigt schon seit Nietzsche die Geisteswelt Europas und in den 1960er-Jahren schwappte aus den USA eine Zen-Welle zu uns. Heute ist der Dalai Lama anerkannt als Inkarnation der Friedfertigkeit und als Sinn- Vermittler. Er bedauert, dass vor allem das westliche Denken geneigt ist, die Wissenschaft zu einer neuen Religion zu erheben, weil wir alte, meist religiöse Werte über Bord werfen und keine neuen ethischen Normen finden. Ähnlich analysiert der Zen-Philosoph Ikeda Daisaku, dass gewöhnlich die Denkweise, »die sich hinter schönen Phrasen über Wissenschaft und Rationalismus verbirgt, den modernen Menschen zur Abstumpfung der Gefühle, zum Verlust seiner Phantasie und zur Verarmung seines Geistes geführt hat.« Das Unbehagen asiatischer Philosophen ist in der Regel keine intellektuellenfeindliche Esoterik. Denker wie Ikeda oder der Dalai Lama sind einfach stark verankert in ihrer Kultur- und Geistesgeschichte, die sich nicht so sehr an Logik und abstraktem Denken orientiert, wie es der Westen heute gewöhnt ist.

Gleichwohl: Wer im Westen traditionelle Kampfkünste lernt und lehrt, betont meist die spirituellen Einflüsse ihrer Heimat. Dies hilft, Kampfkunst neben der körperlichen auch als geistige Bereicherung zu erleben - wie es die Aufsätze und Interviews in diesem Buch lebhaft beschreiben. Grundsätzlich kann Vorsicht beim Übernehmen fremder Sitten aber nicht schaden. Mit Begriffen aus dem fernöstlichen Geistesleben wird viel Schindluder getrieben, um Mitglieder für Kampfkunstvereinigungen zu werben und damit Geld zu machen. Oft müssen Schüler nach einer Weile erkennen, dass ihre Lehrer nur Halbwissen haben und dies als Wissenschaft ausgeben oder dass sie noch nie im Leben länger als drei Minuten meditiert, geschweige denn eine Ausbildung in Meditationsmethoden oder Qi-Arbeit auf sich genommen haben. Begriffe wie Zen, Dao oder Qi sind gern verwendete Etiketten, die Kundschaft anlocken sollen. Ähnliches gilt für die mancherorts gepflegte Samurai-Romantik. Ein ernsthafter Kampfkünstler muss nicht westliche Werte unkritisch durch asiatische ersetzen, um so ein besserer Mensch zu werden. Hier hilft nur: genau hinschauen und viel fragen. Auch bei uns gibt es wahrhaft wunderbare Qigong-Lehrer, Kampfkunst- und Zen-Meister. Um die Unterschiede beurteilen zu können, ist es unerlässlich, sich mit den Grundzügen chinesischer und japanischer Geisteskultur zu beschäftigen, auch wenn sie nicht gleich auf den ersten Blick erkennbar mit Kampfkunst zusammenhängen.

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