Kampfkunst als Lebensweg

Kampfkunst als Lebensweg

Dao - der natürliche Fluss der Dinge

Interview mit Song Chuanyu

Song Chuanyu ist höchstens 1,50 Meter groß, doch jeder Zentimeter der Chinesin ist voller Energie. Der deutschen Sprache kaum mächtig, versteht sie vor allem durch Beobachten. Sie schaut in dich hinein. 1930 wurde sie in der Stadt Jinan in Nordchina geboren. 1996 kam sie nach Mannheim zu ihrer Tochter in ein völlig fremdes Land, wo sie noch nicht einmal die Schrift entziffern konnte. Und das in einem Alter, in dem andere sich zur Ruhe setzen. Wenn sie von ihrem Leben erzählt, wird deutlich: Viele ihrer Gefühle sind in China hängen geblieben, sie ist nur wegen der Familie hier. Eine Grenzgängerin zwischen den Welten.

Song Chuanyu

Mit neun Jahren habe ich angefangen shaolin gongfu zu lernen. In der Mittelschule, also etwa mit zwölf, dreizehn Jahren, begann ich dann mit dem taijiquan. Damals war Taijiquan Pflichtprogramm im Schulsport. Shaolin lernte ich in meiner Freizeit. In Shandong, der Provinz, aus der ich stamme, praktizierten damals viele Menschen Kampfkünste, Männer wie Frauen. Deshalb war es nichts Ungewöhnliches für mich, Shaolin zu lernen. Shandong ist zudem die Provinz, aus der Konfuzius stammt. Mein Heimatort liegt etwa 30 Kilometer von seinem Geburtsort entfernt. Deshalb werden bei uns nicht nur die militärischen Künste, also die Kampfkünste, sondern auch das weite Spek- trum der Kultur und die chinesische Philosophie bewahrt und geehrt. Als ich jung war, wollte ich am liebsten Shaolin lernen. Die Bewegungen sahen schön und kraftvoll aus, und ich war jung und wollte mich viel bewegen. Deshalb gefiel mir das Taijiquan am Anfang nicht so recht. Es zeichnet sich durch langsame Bewegungen aus und dadurch, dass das kämpferische Element verborgen bleibt. Da Taiji jedoch ein Teil des Schulsports war, musste ich daran teilnehmen. Heute bin ich dankbar dafür. Erst später und bei anderen Lehrern drang ich in die Tiefen dieser Kampfkunst ein, doch bereits im Kindesalter wurde der Grundstein für mein späteres lebenslanges Interesse gelegt. Meine Eltern waren nicht dagegen, dass ich Taijiquan lernte. Wo ich herkomme, praktizieren viele Menschen die Kampfkünste, und es ist normal, dass sowohl die Jungen als auch die Mädchen Kampfkunst lernen.

Als ich in die Mittelschule kam, fanden meine Eltern, dass es für ein Mädchen besser sei Taiji zu lernen anstatt Shaolin. Shaolin war sehr wild und ich ein temperamentvolles Kind, und meine Eltern hofften, dass ich durch das Taijiquan etwas ruhiger würde. Als ich 18 Jahre alt war, habe ich zuerst als Journalistin für das Shanghaier Radio gearbeitet. Damals, ungefähr 1948, gab es nämlich noch kein Fernsehen in China. Neben meiner Arbeit besuchte ich die Universität, wo ich Kurse in Philosophie besuchte. Nach dem Abschluss meines Studiums ging ich an die medizinische Universität Shanghai, um dort Philosophie zu lehren. Zur selben Zeit begann ich mich für die chinesische Medizin zu interessieren. In den Kursen über die chinesische Medizin erkannte ich, dass die Prinzipien, auf denen die chinesische Medizin beruht, aus der chinesischen Philosophie stammen. Dieser Zusammenhang begeisterte mich so sehr, dass ich mich entschloss, in diese Richtung weiter zu studieren. An der Universität wurde im Rahmen der medizinischen Ausbildung auch qigong gelehrt. Auch an diesen Kursen nahm ich teil. Eine Eigenart der chinesischen Medizin ist, dass man die klassische Schriftsprache Chinas beherrschen muss, um die alten medizinischen Texte zu verstehen. Man kann sich das so vorstellen wie in Deutschland, wo in der medizinischen Ausbildung das Lateinische von großer Bedeutung ist. Ich hatte seit der Mittelschule klassisches Chinesisch gelernt. Damals herrschten die Japaner in China, und es gab neue Lehrbücher, die die Japaner uns aufzwin- gen wollten. Doch mein Lehrer war Patriot, und er benutzte die neuen Bücher nicht, sondern brachte uns klassisches Chinesisch bei. Dadurch hatte ich ein gutes Fundament, um später die komplizierten Texte aus der chinesischen Medizin zu verstehen. Auch hier fiel mir der enge Zusammenhang mit der chinesischen Philosophie auf. Die alte chinesische Philosophie basiert auf der Theorie von yin und yang, Taijiquan ebenfalls, und in der traditionellen chinesischen Medizin ist es genauso.

Der gesundheitliche Aspekt von Yin und Yang wurde für meinen weiteren Lebensweg sehr wichtig. Wenn es mir nicht gut geht, dann nehme ich nicht sofort Medikamente zu mir, sondern ich übe Taijiquan und meditiere, (...)

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