Kampfkunst als Lebensweg

Kampfkunst als Lebensweg

Die Kraft des Qi - die inneren Kampfkünste Chinas

Thomas Schmidt-Herzog

Wer Thomas Schmidt-Herzog eine Weile kennt, fragt sich: Wie alt ist dieser junge Mann eigentlich, dass er so viel Wissen sammeln konnte? Ob man ihn beim Lehren seiner Kampfkünste beobachtet, ihn bei einem Vortrag über Qi erlebt, ihn beim Meditieren sieht oder wenn er sich in fließendem Chinesisch unterhält, schnell wird deutlich: Sein Wissen ist trotz der jungen Jahre keine blanke Theorie, es ist gelebte Kampfkunst. Heute ist er 30, mit 14 Jahren begann er mit Kwoon Do, nach dem Schulabschluss reiste er ins Mekka für chinesische Kampfkünste, nach Taiwan, um direkt an der Quelle bei namhaften Meistern zu trainieren. Dangrade, Gürtelsysteme, solche Rangabzeichen gibt es in den traditionellen Künsten der Chinesen zwar nicht, aber was kann Thomas nicht alles aus dem Stegreif erklären und vorführen: den Acht-Trigramme-Stil, Gottesanbeterin-Gongfu, Langfaustboxen und noch etliche andere Kampfstile. Er kennt die energetischen Künste wie Taijiquan oder Qigong genauso wie verschiedene Stockkünste. Von Prahlerei jedoch keine Spur, ein ganz normaler Student, der mit seinem Fahrrad zur Verabredung kommt. Vor Jahren hat ihm sein Meister gesagt, nur mit Demut könne er wirklich lernen. Daran hält er sich noch heute. Dieser Mensch lebt in der Kampfkunst. Das prägt seine Laufbahn: er studiert in Heidelberg Sinologie und leitet ein Zen-Kampfkunst-Dôjô. Seine Doktorarbeit befasst sich mit den philosophischen und religiösen Konzepten chinesischer Kampfkünste.

Thomas Schmidt-Herzog Chinas einzigartige Kampfkunsttraditionen sind heute weltweit unter den Bezeichnungen kungfu (gongfu, ), wushu () und wugong () bekannt. Sie erleben derzeitig in China wie im Ausland eine gewaltige Weiterentwicklung und ernten internationale Beachtung und Bewunderung.

Die alten Zentren der chinesischen Kampfkünste wie die Klöster von Wudang und Shaolin öffnen sich immer mehr der Öffentlichkeit. Das Shaolin-Kloster und die dem Kloster ange- bundenen Schulen organisieren heute zahlreiche internationale Tourneen ihrer Kampfkunst-Teams. Seit das Kloster seine Tore der Welt geöffnet hat, findet sich dort jährlich eine große Zahl chinesischer und ausländischer Besucher ein. Angelockt durch den sagenhaften Ruhm der buddhistischen Kampfmönche, hoffen sie noch etwas von der exotischen Magie früherer Zeiten für sich zu entdecken. Das chinesische Mutterkloster schickt sich zudem an, weltweit Zweigstellen aufzubauen, in denen Shaolin-Mönche ihre Kunst weitergeben. In Berlin steht bereits eine solche Zweigstelle und ihr Angebot erfreut sich großer Beliebtheit. Die Mönche bieten neben ihrer Kampfkunst auch qigong, buddhistische Formen der Meditation und die Behandlung in chinesischer Medizin an. In der Nähe des Shaolin-Klosters in der chinesischen Provinz Henan wurde in den letzten Jahren eine Vielzahl von Kampfkunstschulen aufgebaut, in denen heute mehr als 15.000 Menschen im Shaolin-Kungfu ausgebildet werden.

Aufgrund der Vielfalt der chinesischen Stile, der spezifischen Art des Trainings und der Tendenz zur Geheimhaltung und Mystifizierung sind chinesische Kampfkünste viel schwieriger zu organisieren als japanische. Den traditionellen chinesischen Kampfkünsten ist zum Beispiel ein Graduierungssystem, wie man es von den japanischen Stilen her kennt, fremd. Es wird auch nicht in einheitlicher Kleidung trainiert und die stark formalisierte Struktur des Trainings, wie man sie von den japanischen Kampfkünsten her gewohnt ist, gibt es im Training der Chinesen nicht.

Während meines ersten Trainingsaufenthalts in Taiwan trainierte ich jeden Abend in einer Schule für Gottesanbeter-Gong-fu (tanglangquan, ). Die Schule befand sich im Keller eines Hauses und war den ganzen Tag geöffnet. Jeder Schüler konnte diesen Trainingsraum von morgens bis abends nutzen. Das reguläre Training fand abends statt, wobei der jeweils älteste der anwesenden Schüler das Training leitete, indem er die anderen Schüler durch ein festes Programm von Standübungen, Beinschwüngen und Formen führte. Allerdings gab es keine feste Uhrzeit, wann Trainingsbeginn und wann Trainingsschuss war. Jeder kam oder ging, wie es ihm seine Zeit ermöglichte. Da es das Haus des Meisters war, schaute dieser beim Training schon mal rein, doch nur, wenn er Lust hatte. Er war damals etwas älter als achtzig. (...)

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