Kampfkunst als Lebensweg

Kampfkunst als Lebensweg

Dô - ein Lebensweg

Interview mit Lothar Ratschke

Nach einem Lehrgang sitzt Lothar Ratschke mit seinen Schülern zusammen: ruhig, bescheiden, vielleicht in ein Gespräch vertieft. Nicht gestylt, keine schicken Klamotten. Er ist aus der materiellen Welt ausgestiegen. Früher trug er Nadelstreifenanzüge und fuhr einen großen BMW. Er leitete ein mittelständisches Unternehmen und war Chef von 350 Leuten. Ein Managerjob, bei dem er rund um die Uhr beschäftigt war. Dennoch hat Karate ihn ständig begleitet. Doch das Dô richtig zu leben - diese Chance bekam er erst nach der Öffnung der Mauer. Sein damaliger Betrieb machte Pleite und Lothar sollte die Menschen entlassen, mit denen er Tag für Tag arbeitete. Typisch für ihn: Er hat die Krise zur Chance gemacht und ist nach Erfurt gegangen, hat sich vollends seinem Karatedô verschrieben.

Lothar Ratschke Ich versuche das Dô zu leben. Wenn man Dô leben will, muss man rein sein von vielen Dingen, die hier in dieser Welt wichtig sind. Dass auch mir das nicht völlig gelingt, ist klar: Ich muss auch am Monatsende meine Rechnungen bezahlen. Funakoshi ist es auch so gegangen, als er von Okinawa nach Japan gegan- gen ist. Seine Schüler haben ihn gerettet. Meine Schüler machen das auch, wenn sie zu meinen Lehrgängen kommen. Dann bin ich ein Wochenende beschäftigt und kann meinen Lebensunter- halt finanzieren. Doch es war ein langer Weg. Als Junge bin ich einmal mit einem Freund zum Jûdô gegangen. In der gleichen Halle war auch Karate und ich habe zugeschaut. Die Disziplin hat mir gefallen. Oben beim Jûdô haben sie kreuz und quer am Boden gelegen, aber im Karate herrschte Ordnung. Der Trainer gab Kommandos. Das war das Richtige für mich! Ich bin von Natur aus faul, ich brauche Druck. Im Karate kann ich mich nicht ausgliedern. Zwei Stunden lang hat der Lehrer die Schüler zu gleichen Übungen motiviert. Ständig das Gleiche, alle haben dasselbe gemacht. Unter großen Mühen bin ich immer wieder hingegangen, um mein Karate zu trainieren. Da musst du charakterfest sein und das wollen! Ich hatte ja noch meine Werk- zeugmacherlehre und musste um fünf Uhr aufstehen. Den ganzen Tag Lehre, zurück zum Hauptbahnhof. Viel Wartezeit. Damals hatte ich Bücher von Meister Pflüger, die habe ich auswendig gelernt. Ich konnte alle Techniken der Kata aufsagen. Das war nichts Schlechtes. Ich habe von vornherein alle technischen Bezeichnungen gelernt. Immer wenn ich ins Training ging, habe ich vorher für mich alleine eine Stunde trainiert. Ich kam nämlich direkt von der Arbeit und war immer zu früh. Der Hausmeister hat mich in den Vorraum gelassen. Auch am Ende des Trainings hatte ich ein Problem: Erst nach einiger Zeit habe ich mich getraut zu fragen, ob ich zehn Minuten früher weg darf, um noch den letzten Zug zu erreichen. Tagsüber als Lehrling habe ich im Keller die Stühle und Bänke zur Seite geschoben und für mich geübt, während die anderen im Raucherraum gesessen haben. Von der Gesellschaft der Raucher ausgestoßen, habe ich dann trainiert.

Es war eine wichtige Zeit für mich: Ich habe beim Feilen der Werkstücke gyaku tsuki geübt und beim gyaku tsuki das Feilen. Karate gehörte zu meinem Alltag. Ich habe immer versucht, alles über Kreuz zu nutzen. Die eine Bewegung aus dem Leben, die andere aus Karate. Das habe ich immer übertragen. Karate war immer der Höhepunkt der Woche.

Mein erster Lehrer hat keinen Wettkampf gemacht und gutes, traditionelles Karate vermittelt. Der nächste Trainer war mehr ein Wettkampftyp. Dann bin ich auch bei Wettkämpfen angetreten. Dort ist ein ganz anderes Klima als im Dôjô. Das Klima im Dôjô war seiza: still sitzen und Ruhe. Die Tür war zu. Keiner konnte kommen, wann er wollte, jeder war pünktlich. Jeder hat gemerkt, dass er stört, wenn er zu spät kommt. Auch die Jüngeren sind im Training mit Achtung miteinander umgegangen. Respekt und Achtung. Wir waren wie eine Familie, niemand hat sich hervorgetan, niemand hat geprotzt. Das hat mir gefallen, dass jeder mit jedem trainiert. Sonst gab es überall Cliquenwirtschaft. Ich war akzeptiert in dieser Gemeinschaft. Man hat schon gemerkt, das ist etwas Besonderes. Mein Vater war stolz. Niemand sonst hat Karate gemacht. Das war etwas Exotisches.

Vom Dô hatte ich zunächst nur gelesen in den Büchern von Albrecht Pflüger. Meine ersten Meister haben Karate nur auf technischer Basis vermittelt. (...)

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