Kampfkunst als Lebensweg

Kampfkunst als Lebensweg

Dôjôkun - Das Edle bewahren

Interview mit Fritz Nöpel

Fritz Nöpel zu treffen, ist ein Ereignis. Wer sein Training besucht, spürt schnell, er lebt seine Vision. Und die heißt nicht einfach Karate, sondern sie heißt karatedô. Dô, die Wegschule, die Charakterschule, sie macht den Menschen erst zum Menschen. So lebt er es vor. Er ist kein abgehobener Großmeister mit dem achten Dan, zu dem die Schüler nur mit Ehrfurcht aufblicken, keine Großspurigkeit, nur das nahezu bedingungslose Aufgehen in der Sache: Körperlich, geistig, mit allen Sinnen. So steht er in der Halle, vollkommen geerdet. Und mit so viel Wissen und Er- fahrung, dass ihm in Deutschland kein anderer Karatemeister das Wasser reichen kann. Der Mann aus dem Ruhrpott lächelt manchmal verschmitzt, dann wieder erzählt er sehr ernsthaft, was er in all den Jahren in Japan und bei seinem japanischen Meister gelernt hat.

Fritz Nöpel Das Kanji (Schriftzeichen) für ist in Japan Teil vieler Kampfkunstnamen. Also wenn wir sagen Kara-te-dô, dann heißt kara leer, te heißt Hand und ist der Weg so wie in Jû-dô, was nichts anderes ist als der sanfte Weg . Ken-dô ist der Weg des Schwertes und so weiter. Karate kam von China über Okinawa ohne das nach Japan, in China war es nicht nötig gewesen. Die Chinesen haben dô oder dao nicht den Kampfkunstnamen hinzugefügt, weil für sie die geistige Entwicklung immer völlig klar war und auch heute nicht betont werden muss. Wenn man Kampfkunst studiert, kann dies nicht nur ein technischer, körperlicher Teil sein, sondern ist auch ein geistiger, eine geistige Herausforderung. Dieser geistige Weg ist in dem japanischen vielleicht nicht so sehr betont wie in dem chinesischen dao. Heutzutage müssen wir betonen, dass wir traditionelles Karate machen. Das liegt daran, dass es Sportkarate gibt. Es hat sich nach dem zweiten Weltkrieg entwickelt. Zwischen den beiden existiert natürlich ein großer Unterschied. Im Sportkarate werden viel weniger Techniken benutzt, weil man sich ja nicht verletzen soll. Deshalb hat man gefährliche Techniken rausgenommen: Fingerstöße, Griffe in die Gelenke oder in den Körper, auch gefährliche Würfe oder Schläge mit den Füßen. Grundsätzlich darf man auch nicht berühren, man geht nur so nah ran wie möglich. Das ist eine Richtung, die nur einen ganz kleinen Teil der Karate-Vielfalt anspricht. Wenn ich in einen Verein gehe, dann sollte ich mich erkundigen: Was wird hier angeboten? Sportliches Karate oder ein an der Tradition orientiertes Karate? Tradition heißt das Alte weiterführen, so, wie es von China über Okinawa nach Japan gekommen ist. Die Tradition kann man in erster Linie daran sehen, dass es die feste Form der Kata gibt, die nicht oder nur geringfügig verändert wird. Wer betont: "Ja, ich mache traditionelles Karate!" , geht nach den alten Regeln der überlieferten Kunst damit um. Dort wird in erster Linie das Miteinander gepflegt, die dôjôkun. Da gelten Vorsicht, Höflichkeit und Freundlichkeit. Wir lernen ja schließlich auch die gefährlichen Techniken. Tradition heißt ebenfalls, dass kleine Veränderungen im Laufe der Zeit mit eingebunden werden. Wir verstehen die Welt heute ja anders als vor tausend Jahren. Damals waren so viele Dinge ein Rätsel, gerade wenn es ums Leben ging. Der Mensch hat vieles davon gelöst. Und so passt sich auch Karate an, trotzdem bleibt es Tradition.

Für Karate gab es zahlreiche Bezeichnungen. Zunächst entsprechend der Städte auf Okinawa, wo sich unterschiedliche Karate-Stile entwickelt haben: Zum Beispiel nahate nach der okinawanischen Stadt Naha. Dann gab es noch tomarite oder shurite, also immer mit dem Begriff te für Hand verbunden. Übergreifend wurde es auch bezeichnet als Okinawa-Hand , also okinawate, oder auch als chungwote für China-Hand . In Japan musste Karate erst mal als Kampfkunst akzeptiert werden. Für die patriotischen Japaner wurde kurz vor dem zweiten Weltkrieg als erstes die Bedeutung von kara umdefiniert. Statt "chinesische" hieß es ab ca. 1936 "leere Hand". 1938 wurde ein budôkai, eine Versammlung aller Kampfkünste Japans, abgehalten. Das Innenministerium hatte gefordert, dass Karate in Japan dazugehören sollte. Da Okinawa ja nun mehr oder weniger zu Japan gehörte, konnte man einen japanischen Ursprung ableiten. Jetzt musste noch wie bei allen japanischen Kampfkünsten das dazu. Von da an hieß es karatedô, frei nach dem Motto: "Wenn wir Karate machen, dann muss es japanisch sein". (...)

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