Kampfkunst als Lebensweg

Kampfkunst als Lebensweg

Die Öffnung der Felsenwohnung - Visionen des Ueshiba Morihei

Andreas Niehaus

Über die japanischen Kampfkünste und ihre Gründer werden viele Mythen erzählt, selten etwas Handfestes. Um Religion von Esoterik und Legende von Wirklichkeit zu trennen, benötigen wir die Hilfe von Fachleuten, die Sprache und Geschichte Japans stu- diert haben. Andreas Niehaus ist einer von ihnen. Er forscht an der Universität Köln über Sport und Kampfkunst in Japan. Wissenschaftliche Veröffentlichungen und Beiträge zu Fachkonferenzen weisen ihn als Experten aus. Soweit zur Theorie. Die Praxis: Andreas Niehaus trägt in zwei Kampfkünsten einen Schwarzgurt, im Shôtôkan Karatedô und im Seiryûkai Aikijûjutsu. Er verbindet also Theorie mit Praxis, Forschung mit Kampfkunst. Andreas Niehaus Interesse gilt historischen Figuren der japanischen Kampfkünste. In seiner Doktorarbeit untersuchte er, welche erzieherischen Ziele der Jûdô-Gründer Kanô Jigorô verfolgte, als er seinen Kampfsport schuf. Ein weiteres Forschungsthema ist das Aikidô Ueshiba Moriheis, der von 1883 bis 1969 lebte. Japan erlebte zu dieser Zeit große Veränderungen. Mehrere hundert Jahre war es vom Ausland abgeschottet gewesen, jetzt musste es seinen Platz in der Welt finden. Für viele Japaner war es schwer, sich mit der neuen Lage abzufinden. Sekten und kleine Religionsgemeinschaften blühten auf und versprachen Orientierung und Halt. Andreas Niehaus zeigt in seinem Beitrag, wie sehr Kampfkunst und Weltbild Ueshibas durch sein religiöses Umfeld geprägt wurden. Ueshiba ist Sinnbild für einen sehr spirituellen und mystischen Zugang zu den Kampfkünsten, der in Asien häufig zu finden ist. Mystische Erfahrungen, esoterische Schöpfungsberichte, okkulte Sekten für uns ist das oft sehr fremd und ungewohnt. Aber nur wer sich damit beschäftigt, kann verstehen, welchen Weg Ueshiba im Aikidô ging.

Gerhard Walter »Es war wohl im Herbst des Jahres 1921. Auf einer Wanderung, die ich allein unternahm, bebte plötzlich die Erde, und aus dem Boden stieg goldenes Fluidum empor, und während es meinen Körper umschloss, spürte ich, wie mein Körper eine goldene Gestalt annahm. Gleichzeitig waren Körper und Geist erfüllt von Leichtigkeit. Ich konnte das Zwitschern der kleinen Vögel verstehen und begriff die Gesinnung der großen Gottheit, die das Universum erschaffen hat. In diesem Moment erlangte ich die Erleuchtung und erkannte, dass die Wurzel der Kampfkünste die Liebe der einen Gottheit ist, der Geist, der alles Leben in Liebe beschützt, und die Tränen der Erleuchtung rannen mir un- aufhörlich über die Wangen.« (Sunadomari 1984, 262f.)

So beschreibt Ueshiba Morihei, der Begründer der Kampfkunst Aikidô (Weg zu Harmonisierung des Fluidums), eine Erleuchtungserfahrung, die zur Grundlage seiner »Religion Aikidô« werden sollte. Es ist gerechtfertigt, hier von Aikidô als einer Religion zu sprechen, da Ueshiba sich nicht darauf beschränkte, religiöse Rituale oder Elemente in die Philosophie und die Durchführung seiner Kampfkunst einzubauen. Vielmehr ist Aikidô für ihn eine Religion, die entsprechende kultische Handlungen beinhaltet und in der eine Einheit mit den Gottheiten herbeigeführt werden soll. Diese bedeutet letztlich die Rückführung in einen Urzustand der All-Einheit: Nur in diesem Urzustand kann nach Ueshibas Auffassung eine Reinigung der Welt erreicht werden, die in die Errichtung eines Himmelreiches (tenkoku) auf Erden mündet, und in dem die Menschen in friedlicher Harmonie koexistieren. Die oben zitierte Erleuchtung stellt dabei keinen Endpunkt in der Entwicklung Ueshibas dar, sondern steht vielmehr am Anfang eines Prozesses. In der Folge scheint Ueshiba zu einem Propheten mit übernatürlichen Fähigkeiten zu wer- den: Es finden sich Berichte von Translokation, also der Fähigkeit sich an einen bestimmten Ort zu versetzen, sowie Augen- zeugenberichte davon, dass Ueshiba die Flugbahn von Gewehrkugeln vorhersehen und ihnen somit ausweichen konnte. 1940 schließlich wird Ueshiba nach eigenen Aussagen zu einer lebenden Gottheit (ikigami): »Die Gottheit Sarutahiko und auch der Drachenkönig Ame no Murakumo Kuki Samuhara kamen herab, und der Drachenkönig verkündete: Ich werde in jede Zelle deines Körpers eindringen und eins mit dir werden. « (Sunadomari 1984, S. 260 f.) Die Gottheit Sarutahiko übernimmt in diesem Bericht die Rolle eines Begleiters und Wegweisers des Drachengottes. Damit wird auf die japanischen Mythen verwiesen, in denen Sarutahiko den Enkel der Sonnengöttin Amaterasu, Ninigi, auf die Erde begleitete. (...)

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