Kampfkunst als Lebensweg

Kampfkunst als Lebensweg

Das Herz nicht bewegen - Die Geisteswelt der Kampfkünste

Florian Markowetz und Uschi Schlosser

Andere Länder, andere Sitten - ein uralter Spruch mit einer tiefgründigen Wahrheit. Meist wird er auf Äußerliches bezogen, auf Sprachen, Feste und Verhalten im Alltag. Innen drin, im Denken und Fühlen, glauben die meisten von uns aber an die Gleichheit aller Menschen. Auch Wissenschaftler teilten lange die weit verbreitete Meinung, dass grundlegende Denkvorgänge bei allen Menschen gleich ablaufen. Erst seit wenigen Jahren vergleichen Psychologen, wie Menschen aus verschiedenen Kulturen denken und wahrnehmen. Es zeigt sich, dass Versuchspersonen aus asiatischen oder europäisch-amerikanischen Kulturkreisen schon in einfachen Experimenten ganz unterschiedlich reagieren.

Fritz Nöpel Ein leicht verständliches Experiment verlief folgendermaßen: Psychologen präsentierten Testpersonen am Computer realistisch animierte Unterwasserwelten. Im Vordergrund einige große Fische, im Hintergrund ein Gewimmel von kleineren Tieren, Wasserpflanzen und Steinen. Als erste Aufgabe sollten die Probanden beschreiben, was sie gesehen hatten. Amerikaner erzählten fast nur von den großen Fischen im Vordergrund, der Rest kam erst spät in ihren Berichten vor. Japaner schilderten von Beginn an ebenso Merkmale des Hintergrunds. Woher kommt dieser Unterschied? Um die Frage zu beantworten, untersuchten die Forscher in einem zweiten Experiment, wie sich Amerikaner und Japaner die Bilder eingeprägt hatten. Sie zeigten den Testpersonen Standbilder von Fischen, die sie mit dem gesehenen Film vergleichen sollten. In einigen Fällen war der Fisch bereits in der Animation vorgekommen, manchmal unterschieden sich sowohl Fisch als auch Hintergrund vom Film und ein andermal entsprach der Hintergrund dem Original, nicht aber der Fisch. Die Probanden sollten entscheiden, ob sie den Fisch in der Originalanimation schon gesehen hatten. Amerikaner lagen öfter richtig, wenn der Fisch in einer veränderten Umgebung erschien. Japaner waren besser, wenn sowohl Hintergrund als auch Fisch dem Original entsprachen. Sie hatten sich die Fische zusammen mit dem Hintergrund als Ganzes eingeprägt. Ergebnis des Versuchs: Menschen aus »Ost« und »West« unterscheiden sich darin, worauf sie ihre Aufmerksamkeit richten. Amerikaner und wohl auch Europäer konzentrieren sich schon bei ganz einfachen Aufgaben mehr auf prägnante Details, während Japaner alle Bestandteile in ihrer Beziehung zueinander verarbeiten, also das Ganze im Blick haben.

Blick aufs Ganze

Andere Forscher konnten die These in vielen weiteren Experimenten belegen wie etwa in Versuchen mit Deutschen und Chinesen. Immer fanden sich die gleichen Unterschiede: Menschen aus dem Westen konzentrieren ihre Aufmerksamkeit auf einzelne Objekte, Menschen aus Asien darauf, wie diese zusammenhängen. Wie lassen sich die Unterschiede erklären? Dazu muss man wissen, wie sich unsere westliche Kultur von der fernöstlichen unterscheidet. In der chinesischen Schrift, Philosophie und Medizin finden sich die gleichen Unterschiede, die Psycho- logen im Denken und Wahrnehmen festgestellt haben. Die chinesische Schrift ist vielschichtig. Auf den ersten Blick fallen uns die ungewohnten, komplizierten Zeichen auf. In den Kampfkünsten taucht zum Beispiel oft das Zeichen für Kampf auf: (chinesisch wu, japanisch bu). Wer genau hinsieht, bemerkt, dass es aus drei kleineren Teilen zusammengesetzt ist: »anhalten« (zhi, ) und »zwei« (er, ) »Lanzen« (ge, ). Die Einzelteile des Schriftzeichens wu haben eine eigene Bedeutung. Auf dieser Beobachtung baut die friedliebende Deutung der Kampfkünste auf. Das Zeichen wu wird dabei interpretiert als die Forderung: »Halte beide Lanzen auf die des Gegners und deine eigene.« Eigentlicher Zweck der Kampfkunst ist also, den Kampf zu beenden, und nicht, ihn zu führen. Ein Zeichen - eine Geschichte; die chinesische Schrift kann nur verstehen, wer die Teile in ihrer Gesamtheit und Beziehung zueinander sieht.

Die Besonderheiten chinesischer Sprache und Schrift haben Auswirkungen auf die gesamte ostasiatische Geistes- und Kulturgeschichte. (...)

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