Kampfkunst als Lebensweg

Kampfkunst als Lebensweg

Kendô - Das Schwert steht für Leben

Rainer Jättkowski

Rainer Jättkowski ist ein Kämpfer auch ohne Rüstung und Bambusschwert. Seine drahtige Gestalt vermittelt den Eindruck von Willen und Energie. Ein Leben lang hat er Kämpfe ausgetragen und schwierige Situationen gemeistert. Als Jugendlicher macht er im Ruhrgebiet eine kaufmännische Lehre und beginnt mit Jûdô. Wenn andere sich nach langen Arbeitstagen ausruhen, lernt er am Abendgymnasium. Trotz der Doppelbelastung meistert er das Abitur. Er zieht nach Berlin und studiert Physik, Mathematik und Philosophie. Mit dem Staatsexamen wird er Lehrer an einem Gymnasium. Auch der Lehrerberuf ist ein Kampf viele erliegen ihm vorzeitig, Rainer Jättkowski nicht. Mit 63 Jahren steht er noch voll im Beruf. Zum Ende seines Studiums startet Jättkowski neben der beruflichen eine zweite Karriere: Er findet seinen Weg im Kendô. Schon bald kämpft er mit der deutschen Nationalmannschaft auf Europa- und Weltmeisterschaften. Auch nach seiner Zeit als aktiver Wettkämpfer setzt er sich nicht zur Ruhe. Er pflegt sein Kendô im Dôjô und ist weltweit als Kampfrichter aktiv. So verliert er nie den Kontakt zu dem, was für ihn Kampfkunst ausmacht dem Kampf. Auf der Stelle zu treten kommt für Rainer Jättkowski nicht in Frage. Regelmäßig lässt er sein Können von erfahreneren Meistern überprüfen. Heute trägt er den siebten Dan Kendô Kyôshi und den fünften Dan Iaidô. Neben Familie, Beruf, Training und dem Hobby Segelfliegen bleibt Rainer Jättkowski nicht viel Zeit. Trotzdem schafft er es, den Deutschen Kendôbund als Präsident zu leiten. Denn: Kämpfen heißt für ihn nicht nur, selbst immer technisch perfekter zu werden, sondern auch, Verantwortung für andere zu übernehmen.

Tautropfen

Kendô Ich sehe Kendô als runde Sache. Ein Tautropfen, der je nach Standpunkt im Lichte des Bewusstseins andere Farben zeigt. In der Physik kann man in ihm die Brechungen des Sonnenstrahls durch Reflexionen beschreiben, aber nicht erklären. So auch im Kendô. Die Feinanalyse der farboffenbarenden Wechselwirkung zwischen Licht- und Wasserteilchen ist langwierig. Man hätte danach die Einzelheiten in der Hand und suchte nach dem geis- tigen Band. Ein Trainer ist weder Soziologe noch Psychoanalytiker. Die Teile im Ganzen, das Ganze im Teil. Die Einzelheiten im Kendô, Kendô in der Einzelheit. Kendô erscheint im Ausüben als persönliche Handschrift, doch nur die schreibende Hand macht Schrift sichtbar und damit den Gedanken, der zur Mitteilung drängt. Kendô existiert ohne Menschen nicht und Menschen können ohne das, was Kendô besonders intensiv aus- drückt, nicht existieren. Im Kendô steckt irgendein »Ur«, ein Ursprung, aus dem es sich erzeugt. Ohne mich in japanischer Seele und Geschichte zu vergrübeln, setze ich das »Ur« als blinden Fleck, den ich beschreibend umfahre, um seinen Kern genauer zu ahnen. Der erste Weltumsegler fand nach den nim- mermüden Stürmen um Kap Hoorn die halbe Erde voll scheinbar friedlichen Wassers, das man deshalb Pazifik taufte. Eine grenzenlose Monotonie der Weite. Darin fielen wilde, weiß schäumende Brandungen auf. Dahinter vermutete man festen Halt. Wer der nervtötenden, lebensfeindlichen Monotonie ent- kommen wollte, musste durch die Aufgeregtheiten des Meeres an seinen Grenzen. Wer landen will, um sein Zuhause zu finden, muss überwinden. Was wir vom Kendô sehen, ist Brandung. Lange Jahre Kendô Praktizierende sehen ihr Leben diesseits, wähnen aber ihr Zuhause jenseits der Brandung.

Für Trennungen muss man Grenzen definieren und begrenzt zwangsläufig so die Betrachtung. Die Grenzen spuken nur im Kopf. Kendô und das Herz kennen sie nicht. Ein Sufi-Kôan mag das Problem im Kendô augenscheinlich machen:

Wenn ich ich bin, weil ich ich bin,
und wenn du du bist, weil du du bist,
dann bin ich ich und du bist du -
hingegen, wenn ich ich bin, weil du du bist,
und wenn du du bist, weil ich ich bin,
dann bin ich nicht ich und du bist nicht du.
Wir sehen zwei in Rüstungen vermummte Gestalten einan- der gegenüber, mit Bambusstöcken aufeinander bezogen. Zwei Individuen, zwei Ichs. Dennoch ist ihr gemeinsamer Kampf mehr als die Summe seiner Teile. (...)

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